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Jürg Keller
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MIT BLEISTIFT UND FEDER ERZÄHLT
Die Zeichnung ist eine zauberhafte Kunstgattung: Sie macht sichtbar.
Zeichnen ist eine stille, intime, nachdenkliche Kunst. Sie entspricht einer philosophischen Haltung, die nicht nach ewigen, unumstösslichen Wahrheiten strebt, sondern sich eher mit beiläufigen Ergebnissen zufrieden gibt. Die gewählten Motive sind häufig unscheinbar, dafür richtet sich die Aufmerksamkeit umso mehr auf die Zeichnung als Medium zwischen der objektiven äusseren Wirklichkeit und der künstlerischen Wiedergabe des Künstlers. Oft ist die Zeichnung eine schnelle Kunst. Ein paar Striche reichen aus, um eine Sache – Gesichtszüge, eine Bewegung, eine Landschaft, einen Gegenstand – anzudeuten und zu vergegenwärtigen. Das Nichtfertige lässt dabei vieles offen. Der Durchblick ist es, auf den es ankommt. Vielleicht noch häufiger aber ist das Zeichnen eine langsame Kunst, was mit ihrer reflektierenden Haltung übereinstimmt. Durch die Zeit, die beim Zeichnen vergeht, ist es möglich, auf das Motiv gründlicher einzugehen und es genauer festzuhalten (nicht wiederzugeben, das ist etwas Anderes, wie wir noch sehen werden). Das Motiv tritt auf dem Blatt wie aus dem Nichts hervor, nimmt Gestalt an, wird sichtbar. Die materielle, sichtbare Welt wird erkennbar. Ein grosses Geheimnis ist damit verbunden, das erst gelüftet werden muss: Etwas ist nicht „da" in einem greifbaren Sinn, aber trotzdem gegenwärtig, weil man es sehen kann. Es wird durch die Zeichnung stellvertretend wiedergegeben, so, als würde man auf einen Papierfetzen ein paar Worte hinschreiben. Noch geheimnisvoller wird es, wenn plötzlich etwas zu sehen ist, das es gar nicht gibt und nur durch die Zeichnung besteht. Das also nur durch eine Evokation da ist. Der Zeichner erfindet sich eine Welt, die er in seiner Vorstellung zeichnend verwirklicht. Sie kommt nirgends vor als auf dem Papier, auf dem sie in Erscheinung tritt. Es wäre ohnehin ein Irrtum, das Abgebildete mit seiner physischen Entsprechung in der Wirklichkeit zu verwechseln. Wenn es in der Kunst eine Realität gibt, dann ist es die Zeichnung beziehungsweise das Kunstwerk selbst. So gesehen, ist das Zeichnen eine zauberhafte Kunst.
Die Welt, die der Künstler sieht. Leben und Werk stimmen überein.
Jürg Keller ist vor allem Zeichner. Es gibt Aquarelle und Temperabilder von ihm. In jüngster Vergangenheit malt er häufig in Öl. Sein Hauptfeld aber ist und bleibt die Zeichnung. Hier kann er ganz bei sich sein. Die Tätigkeit des Zeichnens entspricht seinem Wesen in jeder Hinsicht. Er kann zwischen sich und dem öffentlichen, betriebsamen, hektischen Leben eine Trennungslinie ziehen und sich zurückziehen, um ungestört in der Stille des Ateliers, auf einem Feldsessel in der Natur oder an einem Bistro-Tischchen in Paris seiner Tätigkeit nachzugehen. Zeichnen ist daher nicht bloss ein zu einer Kunstgattung gehörender Vorgang, sondern auch und vielleicht noch mehr eine Lebensweise, die darin besteht, dem Zeitfluss eine Form zu geben. Ob das ein Suchen ist oder ein Finden oder – als dritte Möglichkeit – ein konsequentes Vorgehen, ist eine andere Frage. Zeichnen ist für Jürg Keller Ergriffensein. Daher muss er, um zu zeichnen, frei sein von äusseren Einflüssen und Abhängigkeiten und sich auf seine Tätigkeit einlassen können, nicht in einem pathetischen oder pathologischen Sinn, dazu taugt die kleine Form der Zeichnung nur schlecht, sondern indem er sich auf den Akt und die Berufung des Zeichnens mit seiner ganzen Person einlässt. Zum Beispiel dadurch, dass er sich Zeit nimmt, auf seine Arbeit konzentriert und nicht an etwas Anderes denkt. Stundenlang, wenn es sein muss. Ungestört, beharrlich, versunken. Es ist eine Tätigkeit der Verinnerlichung, wenn das nur nicht zu pompös klingt. Eine bestimmte Süchtigkeit, sich die Welt anzueignen, und sei es durch visuelles Erfassen, gehört mit dazu. Genau in dieser Hingabefähigkeit liegt die meditative Haltung, die mit dem Zeichnen verbunden ist. Zeichnen heisst für Jürg Keller träumen und träumen soviel wie sehen: versinken und gleichzeitig aufgehen in der Augenlust, die ein Augustinus bekanntlich aufs Schärfste verurteilt hat, damals im Mittelalter. Heute ist das im Zeitalter der dominierenden Bilderflut undenkbar. Sehen ist die erste Absicht des Zeichnens. Nein, es ist die Hauptsache überhaupt. Sich in eine bestimmte Verfassung versetzen, in der das Zeichnen geschieht. Keller gibt kein Motiv wieder, sondern das Motiv ist umgekehrt ein Beweggrund zum Zeichnen. Es ist eine Motivation. Es bekommt dadurch etwas Automatisches. Die Zeichnung zeichnet, der Künstlers lässt den Vorgang zu, er ermöglicht ihn durch Ausblenden der bewussten Kontrolle. Damit geht eine Freiheit des Erfindens einher. Zum Beispiel muss die Perspektive nicht, wie in den Gesetzen der Renaissance-Malerei, stimmen, sie folgt eher der Empfindung des Künstlers. Oder wenn Keller Menschen zeichnet, kommt es ihm darauf an, eine Haltung festzuhalten, eine Bewegung, einen flüchtigen Eindruck, der in ihm einen Nachhall ausgelöst hat. Auf diese Weise erzielt er eine Übereinstimmung der inneren Welt (seiner eigenen) mit der äusseren (der materiellen Wirklichkeit, mit der er beim Zeichnen konfrontiert ist). In gewisser Weise könnte man daher sagen, dass der Eindruck des Künstlers nicht vom Motiv auf die Netzhaut übertragen wird, sondern es in dessen träumendem Bewusstsein generiert wird. Erfinden heisst soviel wie sich einbilden, sich ein (eigenes) Bild machen, was etwas Anderes ist als abzeichnen oder wiedergeben. Die Zeichnung wird zum Vorbild für das Abbild dessen, was der Künstler sieht. Das ist es, was Paul Klee meinte, als er sagte: „Kunst gibt nichts Sichtbares wieder. Kunst macht sichtbar." Diese Art zu zeichnen deckt sich bei Keller mit seiner Biografie, die ihrerseits mit seinem Werk übereinstimmt. Es lässt sich darin nichts finden, das ausserhalb seines eigenen, engeren Lebensbereichs läge. Das Nahe und Nächste ist seine Welt, was wiederum bedeutet, dass in jeder Zeichnung eine authentische Erzählung enthalten ist, in der er selber vorkommt. Leben und Werk befinden sich so in vollkommener Übereinstimmung. Jürg Keller muss dazu nicht einmal weit fortgehen, das würde ihn nur auf eine unangenehme Art auffächern. Die Welt ist immer dort, wo er ist, auch dann, wenn er doch einmal fortreisen sollte, nach Italien, nach Frankreich und besonders nach Paris, wo er sich während vieler Jahre regelmässig längere Zeit aufgehalten hat. Eigentlich ist Jürg Keller ein stationärer Mensch, aber jede Station ist – ob zu Hause oder unterwegs – stets der Mittelpunkt der Welt. Fortgehen oder bleiben? Jedes Detail, das seine Aufmerksamkeit anzieht, ist ein Grund zum Verweilen. Wenn er zum Beispiel ein Motorrad sieht (siehe Kapitel „Wo die Menschen zu Hause sind"), kann er auf der Stelle inspiriert stehen bleiben und anfangen zu zeichnen, und sei es nur in ein Notizheft. Wenn er ein zweites sieht, umso besser. Dann gibt es eine zweite Zeichnung – oder noch viele Zeichnungen. Wahrscheinlich wird er dann im persönlichen Gespräch gleich anfangen zu erzählen, wo und unter welchen Umständen er das Motorrad angetroffen, wie er es gezeichnet hat, wie er mit dem Besitzer des Fahrzeugs ins Gespräch gekommen ist und was er von diesem erfahren hat. Auf diese Weise kommt er vom Hundertsten ins Tausendste. Zeichnen und erzählen sind identische Dinge. Jede Zeichnung ist eine Erzählung. Daher deren Anschaulichkeit. Das Motorrad ist ein gutes Beispiel, um daran zu erinnern, dass die Zeichnung in fast idealer Weise auf die gegenständliche Welt, die Welt der Objekte, eingeht. Sie ist das Medium eines Realismus, der bei Jürg Keller ein verliebter, ein poetischer Realismus ist. Die reale, gegenständliche, materielle Welt ist nichts Anderes als sie selbst. Keine Metapher für etwas Anderes, keine Vortäuschung, keine Abweichung. Auch keine Erklärung, die nötig wäre, um zu sagen, was man sieht. Geschichten an Stelle von Beschreibungen sind dagegen sehr wohl möglich. Die Geschichte setzt die Zeichnung fort und die Zeichnung umgekehrt die Geschichte, mit der sie korrespondiert. Natürlich könnte man über die Zeichnung auch etwas ganz Anderes sagen, aber für Jürg Keller stimmt es so. Die Zeichnung zwingt also gerade dazu, sich auf die objektive Welt der gegenständlichen Welt einzulassen und sich damit auseinanderzusetzen, und sie macht aus dem Zeichner beinahe zwangsläufig einen Beobachter und Wahrnehmer. Ein Voyeur ist er deswegen nicht, das ist ein viel zu grobes Wort, aber dass er ein „voyant" wird im Sinn von Arthur Rimbaud, könnte durchaus zutreffen. Der Blick wird dabei fast stets vom vorliegenden Motiv oder Modell verführt, und es ist nicht sicher, ob der Zeichner nicht vielleicht sogar der Gesehene ist, der mit seinem Werk preisgibt, was ihm vor Augen gekommen ist. Es kommt aus diesem Grund nicht überraschend, dass Jürg Keller selbst den Vergleich mit der Fotografie anstellt, nicht etwa wegen der Unbestechlichkeit des Abbilds durch das Kamera-Objektiv, sondern wegen ihrer erzielten Objektivität, das heisst Sachlichkeit, und er Fotografen wie Schulthess, Cartier-Bresson, Buri nennt, die den grössten Eindruck auf ihn gemacht haben.
Sachliche Realität und Objektivität. Der Künstler als Sozialforscher.
Ist das klar, stellt sich sofort die Frage: Wie sieht die Welt aus, die Jürg Keller sieht, wenn er sich ans Zeichnen macht? Das Unscheinbare wird, wenn er sich darauf einlässt, unter seiner Strichführung bedeutungsvoll. Es sind Menschen, die er zeichnet, Intérieurs, also Lebensräume, die seine Blicke angezogen haben, Objekte (siehe Kapitel „Die Erfindung von Gestalt und Bewegung" und „Wo die Menschen zu Hause sind"). Die gegenständliche Welt, die der Zeichner Jürg Keller vor Augen hat, ist immer eine authentische und soziale, das heisst sozial geprägte und definierte Realität. Zum Beispiel lassen sich Motorräder kaum ungegenständlich wiedergeben, der Zeichner ist an ihre Materialität gebunden. Das Gleiche gilt auch für die Intérieurs, in denen Menschen leben und ihre Sachen aufgestellt haben. Der Künstler-Zeichner muss sich daran halten. Darin drückt sich eine tiefe Verbundenheit aus, vielleicht eine Solidarität. In diesem Sinn ist jede Zeichnung von Jürg Keller das Werk eines Sozialforschers. Das Leben hat sich einen Ort ausgesucht, um sich zu manifestieren. Die Interieurs von Jürg Keller entsprechen in ihrer genauen Wiedergabe dem jeweiligen Ort, zum Beispiel bestimmten Pariser Bistros, wo er sich zeichnend aufgehalten hat. Sie zeigen unverwechselbar, was sie wiedergeben, und meinen es genau so und nicht in einem übertragenen Sinn. Auf diese Einzigartigkeit hat es Keller abgesehen. Die Zeichnungen lassen sich unter diesen Umständen von ihrer sozialen Herkunft nicht trennen, weil das Alltägliche, Singuläre ihre beabsichtigte Aussage ist. Bleibt da für einen künstlerischen Mehrwert noch Platz, und wo bleibt er, wenn es eine solche künstlerische Sprache gibt? An der naturgetreuen Wiedergabe kann es nicht liegen, auch wenn sie bei Jürg Keller nie fehlt und soviel Erstaunen hervorruft. Sondern die Leistung des Künstlers liegt genau in der Auseinandersetzung mit dem gezeichneten Motiv, die den Künstler als Betroffenen mit einschliesst. Die Zeichnung gibt also weniger wieder, was auf ihr zu sehen ist, als vielmehr den Prozess, der zu ihr geführt hat. Man könnte die Zeichnungen wie eine grosse Uhr ansehen, die einen zeitlichen Ablauf und Ausschnitt aus Jürg Kellers Biografie festhält.
Skizze und Zeichnung, Feder und Bleistift. Zwei Stile und Ausdrucksweisen.
Die Geschichten, die Jürg Keller erzählt, haben sehr viel mit seiner Tätigkeit des Zeichnens zu tun, mit den Menschen, denen er begegnet ist, den abgebildeten Räumen, Gegenständen und Situationen, die er angetroffen hat. Nicht weniger jedoch sind sie das Ergebnis der Mittel, die er eingesetzt hat, damit am Ende eine Zeichnung vorliegt. Durch diese Mittel wird eine bestimmte Ausdrucksweise und schliesslich ein Stil erreicht. Oder anders ausgedrückt: Zeichnung ist auch Handwerk. Zeichnen kann – wie wir gesehen haben – das Ergebnis sowohl einer spontanen und schnellen wie einer langsamen, verweilenden Vorgehensweise sein. Jede Zeichnung ist für Jürg Keller eine „emotionale Entladung", wie er selber gern sagt, ein Akt höchster Intensität und von zeitlicher Bemessenheit. Einmal angefangen, muss sie innerhalb einer absehbaren Frist zu Ende geführt sein. Zum besseren Verständnis sind an dieser Stelle ein paar technische Angaben unumgänglich. Die Skizze ist ein erster Entwurf, eine schnell hingeworfene Studie; oft werden mehrere Anläufe und Versuche unternommen, um ein Thema in den Griff zu bekommen und ein formales Poblem zu lösen. Ein paar Züge müssen genügen. Fast könnte man bei der dabei vorausgesetzten Spontaneität und Schnelligkeit an chinesische Kalligraphie denken. Wenn es in diesem Zusammenhang einen Künstler gibt, der zu nennen wäre, dann ist es Edgar Degas, dessen 38 Skizzenheft Theodore Reff ediert hat. Jürg Keller hat sie immer wieder konsultiert und sich damit auseinander gesetzt. Die Zeichnung dagegen wird mehr auf einen Abschluss hin durchgearbeitet und ausgeführt. Sie ist reflexiver und erfordert mehr Zeit und mehr Beharrlichkeit. Ungeachtet dessen ist für Jürg Keller mit der Zeichnung ein inneres Aufgeregtsein verbunden, weil er den Endzustand der Zeichnung in Gedanken vorwegnehmen muss. Wenn er also anfängt, auf dem Blatt zu zeichnen, meistens am oberen Bildrand, muss er bereits voraussehen, wie das Werk zu Ende geführt werden soll. Das heisst: Er muss alles so einrichten, dass die Komposition aufgeht, wenn er am unteren Blattrand angekommen ist. Den Bleistift verwendet Keller vor allem, um Hell-Dunkel-Tonwerte zu erzielen, was durch den Druck auf den Bleistift reguliert werden kann. Auf diese Weise gelingt es ihm, das Thema auf eine weiche, samtene Art einzufangen, fast so, als würde der Künstler sein Motiv mit der Hand streicheln. Der Bleistift ist Kellers bevorzugtes Ausdrucksmittel. Wenn für die Pariser Zeichnungen häufig die Feder zum Einsatz gekommen ist dann deshalb, weil sie erlaubt, die Struktur von Häuserfassaden mit ihrem vielen architektonischen Verzierungen, Konsolen, Vorsprüngen mit grösster Genauigkeit wiederzugeben (siehe „Die Geometrie der Pariser Fassaden"). Die anderen Techniken wie Farbstift, Kohle, Kreide, Pinsel (auch bei den Zeichnungen), Tusche, Aquarell, Tempera werden im Hinblick auf die Absicht der Zeichnung eingesetzt. Auch die Beschaffenheit des Papiers beeinflusst das Resultat und wird je nach Vorhaben verwendet. Die Zeichnungen sind übrigens selten randabfallend ausgeführt. Es gibt Zonen örtlicher Verdichtung und andere Stellen, die ausschwingen und offen bleiben. Das entspricht dem Auge, das nicht die ganze Bildfläche af einmal in den Blick nimmt, sondern zwangslos und sprunghaft über das Papier gleitet, hängen bleibt, sich weiter bewegt, bis sich durch die wandernde Bewegung ein addierter Eindruck einstellt. Die Feder führt zu einem kristallinen Ergebnis, der Bleistift zu einem tonigen. Die Feder bringt Keller mit einem Cembalo in Verbindung, den Bleistift mit einem Steinway-Flügel, auf dem ein Pianist mit romantischem Gestus eine Sonate von Beethoven spielt. Ein Vergleich, den Jürg Keller umso eher anstellen darf, als er Fagott und Saxophon spielt und gerne musiziert.
Zeichnen heisst Unterwegssein. Es ist eine Art Selbstgespräch.
Zeichnen also kann vieles bedeuten: Eilen oder verweilen; andeuten oder ins Detail gehen; einer Laune folgen oder sich auf eine Sache einlassen; sich gehen lassen oder vorsätzlich, bewusst, systematisch vorgehen; frei erfinden oder sich eng an das Motiv halten. Die Zeichnung ist ebenso persönlich und intim wie objektiv und äusserlich. Sie lässt die gesehene Welt zurück in der Erinnerung und nimmt sie mit, indem sie auf die Zeichnung übertragen wird. Das Eine wie das Andere ist möglich und dominiert je nach momentanter persönlicher Absicht und Stimmung. So hält es Jürg Keller. Und wahrscheinlich unterscheidet er sich darin kaum von anderen Künstlern. Höchstens mit dem Unterschied, dass er zeichnet, um etwas für sich zurechtzulegen, das ihn enbtflammt hat und beschäftigt. Zeichnen ist eine Art Selbstgespräch. Das Grosse, Pathetische ist nicht Kellers Sache. Das Verträumte ist es freilich auch nicht, dazu ist seine Auseinandersetzung mit der äusseren, gegenständlichen Welt viel zu gewollt und zu genau. Zeichnen wird so zu einem Lebensmittel, zu einer Lebensart, das heisst zu einer Lebens-Art im Sinn von Lebenskunst. Für Jürg Keller ist es die Herstellung einer visuellen Biografie. Jede Zeichnung ist eine Station seines Lebens. Alles, was er zeichnet, hat mit ihm zu tun und hat er gesehen. Ich zeichne, also bin ich. Er betrachtet die Welt mit tiefen Zügen, aber nicht etwa wie ein Privatdetektiv, sondern eher wie ein Besucher. Man könnte von ihm sagen, dass er ein teilnehmender Beobachter ist (der Ausdruck stammt aus der Ethnologie und bezeichnet die Stellung des Feldforschers, der eine fremde Gesellschaft wie von aussen studiert, aber zugleich darin integriert ist wie Einer unter Vielen, wenigstens vorübergehend, weil er sonst nichts Zweckdienliches erfährt). Das Zeichnen als Vorgang könnte so gesehen als Tätigkeit aufgefasst werden, bei der wie in einem medialen Akt die Welt vor Augen durch die Ausführung der Zeichnung in eine bestimmte Anordnung von Zeichen umgesetzt und verwandelt wird, durch die sie ebenso wie die Absichten und die Verfassung des Künstlers wiedererkennbar wird. Die Zeichnungen wollen gelesen sein, wie ein Alphabet, wie ein Text, wie eine Geschichte, was sie ja bei Jürg Keller auch tatsächlich sind. Das Festhalten und Konkretisieren einer flüchtigen Erscheinung fördert auf diese Weise eine visionäre Qualität. Sehen heisst wahrnehmen und erkennen, was sichtbar geworden, das heisst in Erscheinung getreten ist, ins Licht, und so erkennbar geworden ist. Ich sehe, ich erkenne. Zeichnen bedeutet infolgedessen immer auch Suchen und Unterwegssein. Die Zeit vergeht, das Leben geht weiter. Aber es zeigt, so wie Jürg Keller die Zeichnung auffasst, ausserdem, dass etwas vorbei ist: Begegnungen mit Menschen und Orte, von denen eine Spur erhalten geblieben ist: die entstandene Zeichnung. Jeder Strich entspricht einer Zeiteinheit (einem Schritt auf dem Weg) und jede Zeichnung einer Zeitspanne (einem Wegstück). Damit ist jede Zeichnung immer zugleich auch Ankunft und Aufbruch. Die Zeichnung bleibt, das Zeichnen hört nicht auf. Aurel Schmidt |